Wieso, Weshalb, Warum

5 Sep

Mit dreizehn habe ich den französischen Philosophen Descartes entdeckt (den Königin Christina von Schweden morgens um vier zum Debattieren antreten liess, was den Langschläfer ruckzuck ins feuchte Grab gebracht hat. Erinnert mich irgendwie an das Vatatier. 😉 ).

Da sitzt sie, blutjung, neben sich ihre Geliebte, umgeben von alten Männern und lässt sich die Welt erklären.Mit vier Stunden Schlaf. Wahnsinn.

Damals fand ich das unglaublich faszinierend, diesen methodischen Zweifel, den er an Alles und Jedes anzulegen bereit war. Bis heute halte ich das für einen der Schlüssel der Weltverbesserung, das Radikale Hinterfragen.

Also Etwas mit der Überzeugung anzugehen, das nichts Drumherum selbstverständlich und unabänderlich ist. Das alles theoretisch auch ganz anders sein könnte. Mich dann zu fragen, warum es das eigentlich nicht ist. Und vor allem: Wer davon profitiert, dass die Dinge so sind, wie sie sind. Natürlich ist der glitschige Pfad zur Verschwörungstheorie nie weit von diesem gedanklichen Weg; und oft stosse ich beim Radikalen Hinterfragen auf Hintergründe und Verwurschtelungen (meist politischer & ökonomischer Natur), die ich erstmal nicht glauben möchte, weil sie einfach ein zu katastrophales Bild auf die Menscheit werfen. Aber es lohnt sich fast immer – ich habe schon spektakuläre Erfahrungen damit gemacht.

Deshalb lag es nahe, auch unsere ECObabesophie auf dem radikalen Hinterfragen zu gründen. Mal ein paar Beispiele. Wieso liegen Kinder eigentlich in Kinderwägen – in denen sie von ihren Müttern getrennt sind und, als wäre das nicht Strafe genug, auch noch nix von der Welt sehen? Wieso muss Kindergeschirr (einschließlich erster Flaschen und Tassen) immer aus Plastik sein, quasi aus Erdöl gewonnen, dass unseren Kinder eine unzerbrechliche WegWerfWelt vorgaukelt, in der zarte und behutsame Haptik nicht vonnöten ist? Wieso sollen Kinder in China von anderen, wundgescheuerten Kinderhänden zusammengeschusterte Kleidung tragen, wenn es zudem warm genug für ohne ist? Warum sollten wir unseren Kindern die Möglichkeit nehmen, mit zwei sagen zu können „Ich habe noch nie totes Tier gegegssen“, und sich erst dann bewusst dafür zu entscheiden – statt umgekehrt, wenn es unschuldstechnisch „zu spät“ ist? Warum sollte ich meines Kind frisch erblühtes Immunsystem in seinem ersten Lebensjahr mit fast ausgerotteten Krankheitserregern auf fremdem Eiweiß plus unkontrollierbaren Zusatzstoffen zumüllen, wenn es doch niemals mit diesen in Kontakt kommen wird? Warum sollte ich ihn nicht stillen, wenn er Lust darauf hat? Wer hat etwas davon? Mein Kind wohl nicht. Sondern: Die Kindersachenindustrie. Die Pharmaindustrie. Die Erdölindustrie. Die Nahrungsmittelindustrie. Ich muss wohl nicht weiter machen.

Es ist doch so: Kinder kommen mit allem auf die Welt, was sie brauchen, solange sie eine Familie haben, die auf ihre wahren Bedürfnisse reagiert. Lasst uns einfach alles hinterfragen, was uns zusätzlich als notwendig, normal, förderlich etc.pp.für unsere Babies vorgebetet wird.

Lasst uns fragen, ob tatsächlich primär unsere Kinder etwas davon haben, wenn wir diese Ratschläge annehmen, die fast immer einen potenziell grenzenlosen Konsum nach sich ziehen, statt vorhandene Ressourcen zu aktivieren. Oder ob wir nicht viel eher Anderen damit Gefallen tun, die wir nicht kennen und die in ihrem Handeln eigenmotiviert sind.

6 Antworten to “Wieso, Weshalb, Warum”

  1. Karl Maria Aufrath September 6, 2011 um 05:37 #

    Ein paar kleine Antworten … Unser gebraucht erstandener fast 10 Jahre alter Kinderwagen erspart meinem Rücken das eine oder andere Mal gute 17 Kilo. Dafür bin ich dankbar :). Allerdings bin ich auch dankbar für die Möglichkeit, alles aus zweiter, dritter usf. Hand zu erstehen. Die Kindersachenindustrie kommt gut ohne uns zurecht.

    Zu Impfungen steht jeder anders. Ich denke, dass wir auch nur wegen (und nicht trotz) der Impfungen bestimmte Krankheiten nie wieder zu Immunsystem bekommen werden. Aber das ist nur meine medizinisch ungebildete Meinung :).

    Ich frage mich allerdings auch oft beim Gang durch die Welt mit staunenden Augen und mit weinendem Herzen, warum ich eigentlich spritsparend fahre, bewusst konsumiere, mir dreimal überlege, welcher Bank ich mein Geld gebe usw. Wozu? Es tut ja sonst keiner … 😦

    Ach ja, und Danke für den Text. Und den Hinweis auf Descartes. Und das kritische Hinterfragen. Weiter so :).

    • ECObabe September 6, 2011 um 16:50 #

      Hmmm…das geht ja runter wie Rapsöl 😉 Wenn wir bei 17 Kilo sind, reden wir nochmal…ich bin ja auch keine Heilige. Schön, so nobel formulierte Antithesen kredenzt zu bekommen!

      Nuuur, „…das tut ja sonst keiner“ ist ja wohl eine fürchterlich traurige und ganzundgar nicht wahre Sicht auf die Dinge. Jedes Kind tut es, absolut JEDES – das Problem ist bloß, dass wir zu Erwachsenen werden, die unglücklicherweise Wohlstand mit Wachstum und Glück mit Konsum verwechseln. Ein allerdings in keinster Weise irreversibler Vorgang. Ich behaupte unerschrocken: Mehr Wildnispädagogik, mehr freie Schulen, mehr ausgehöhlte und selbst bespielte Fernseher, mehr Zärtlichkeit, mehr denkerische Freiheit und wir ziehen Generationen heran, die über die Idee des Zinseszins ungläubig lachen werden (um nur mal ein Beispiel zu nennen). Leider bleibt uns so verdammt wenig Zeit. Deshalb heißt das Zauberwort (außer Pädagogik) Vernetzung. Klar, mitteleuropäisch und nordamerikanisch betrachtet sind wir wenige – aber wenige haben auch gereicht, andere Revolutionen in Gang zu bringen. VERNETZE DICH! Das ist nach der Einsicht (die Du offensichtlich hast) unsere zweite Bürgerpflicht.

      Und außerdem ist es doch so: Würden wir mit dem Masarati vor der Deutschen Bank vorfahren, um Schlangenlederschuhe-aufn-Asphalt knallenderweise wiedermal unser EON-Aktienportfolio aufzustocken, wären wir einfach schlicht UNGLÜCKLICHER – ganz egal, ob’s sonst noch einer tut oder nicht. Denn jeder dieser Schritte würde uns weiter von der Wirklichkeit der Welt entfernen, in eine künstliche Existenz, die nur durch massive, kognitive Verleugnungstaktiken aufrecht zu erhalten ist. „Die Befähigung zum Glück hängt ab von der Beschaffenheit der Gedanken“ (Marc Aurel). Du kämpfst nicht gegen Windmühlen, wenn Du welche baust – Du tust schlicht das, was zu klarerem Denken und damit größerem, persönlichen Glücksempfinden führt. Selbst trotz der Trauer darüber, dass es sonst keiner tut. Was nicht stimmt. Siehe oben 😉

      Deshalb, Vice Versa: WEITER SO!!!!!!!!!!!!!!!

  2. Rosa Luxemburg September 6, 2011 um 11:23 #

    Ja, die Welt ist böse! Sehr böse!

    • ECObabe September 6, 2011 um 16:15 #

      Aber, aber, Frau Luxemburg, Sie haben doch selbst gesagt: „So ist eben das Leben seit jeher, alles gehört dazu: Leid und Trennung und Sehnsucht. Man muß es immer mit allem nehmen und alles schön und gut finden. Ich tue es wenigstens so. Nicht durch ausgeklügelte Weisheit, sondern einfach so aus meiner Natur. Ich fühle instinktiv, daß das die einzig richtige Art ist, das Leben zu nehmen, und fühle mich deshalb wirklich glücklich in jeder Lage.“

      Die Welt ist nicht schlecht. Wir haben uns nur unglücklicherweise zu den Sklaven unserer Gewohnheiten, Passivität, Lethargie und Konsumismus machen lassen. Deshalb dieser Blog (und ich zupfe mich aufs schmerzlichste an meiner eigenen Nase damit).

      Denn: Wer sich nicht bewegt, spürt seine Fesseln nicht. Auf diese großartige Welt und darauf, dass wir Kinder groß werden lassen, die ihre Wunder wieder schätzen lernen!

  3. kraehenmutter September 6, 2011 um 21:01 #

    ganz ehrlich: solche überlegungen lassen mich immer etwas depressiv zurück.
    ich fühle mich dann so klein und unbedeutend im welten-hamsterrad.
    wen scherts, dass ich versuche so pc wie möglich zu leben, wenns sonst (gefühlt) kein anderer tut?
    ein gutes gefühl bekomme ich davon nicht, eher überkommt mich eine große verzweiflung, da ich mich nicht in der lage sehe, ALLES leid der welt zu lindern.
    diese ohnmacht lässt mich eher erstarren anstatt zu großen taten anzuregen.
    und mein schlechtes gewissen ist quasi fast chronisch, weil ich dann doch die hälfte der klamotten neu und überwiegend nicht fair-trade kaufe, neue bücher bestelle, immer mal wieder lebensmittel wegschmeiße, viel unnützes haben will, allgemein im luxus schwelge…

    • ECObabe September 7, 2011 um 10:11 #

      Mich macht’s sehr hellhörig, dass wunderbar denkende, sich sehr bemühende und wahrscheinlich immens inspirierende Menschen wie Du und der Herr Aufrath und wahrscheinlich noch Millionen (!) andere tatsächlich denken, sie wären ALLEINE mit ihrem Bemühen, eine bessere Welt zu schaffen…nur weil sie allgemein leiser treten als die wenigen, die skrupellos vor sich hin zerstören. Es ist also quasi ein akustisches Problem des „nicht gehört Werdens“ und „andere nicht hören“.

      Und natürlich ist jede Verhaltensänderung ein Prozess – unser wunderbarer freier Wille macht uns anfällig für Verführungen, und so versumpfen wir halt immer wieder und rappeln uns dann auf – aber das wäre schon okay so, wenn es zusätzlich zu unserem privaten Bemühen noch genügend strukturelle Mechanismen gäbe, die Raubbau und ungebremsten Egozentrismus wirksam eindämmen könnten. Und die könnten wir ja schaffen, wenn wir uns nur zusammen finden und kollektiv eine politische/ökonomische/soziale Macht darstellen.

      Es ist lustig, ich habe da heute Nacht beim Stillen viel drüber nachgedacht, weil mich der Kommentar von Herrn Aufrath sehr aufgewühlt hat – und mich dann mitten in der Nacht noch hingesetzt und ein kleines Manifest begonnen, dass da heißt „Vernetzt Euch!“, genau wie das wunderbare kleine Buch von Lina Ben Mhenni (was für eine tolle Frau) über den arabischen Frühling. Und dann habe ich mir gedacht, warum nicht einfach direkt einen neuen Blog anfangen (ich hab‘ ja sonst nix zu tun) mit eben diesem Namen, der mit nichts Anderem angefüllt ist als mit Möglichkeiten, sich endlich nicht mehr klein, unbedeutend und hamsterig 😉 zu fühlen. Ha! Gesagt, getan! Am Wochenende werd‘ ich mich mal grafisch dran machen, und dann geht’s ans Befüllen. Bist Du dabei?

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