Warum wir mehr Wissen müssen

16 Sep

Wenn ich in der U-Bahn Mütter ihre Winzlinge im KWagen liegen lassen sehe, während sie sich siebzehn Bänke weiter gemütlich telefonierend niederlassen, werd‘ ich immer erst mal bauchgrummelwütend ob dieses Abgrundes an fehlendem Einfühlungsvermögen in eine Welt, die plötzlich nur aus ultrahellen LED-Leuchten, Millionen fremder Stimmen&Gerüche und keinem einzigen Zentimeter vergewissernder Muttertierpräsenz besteht.

Aber eigentlich ist mir klar, dass die meisten nicht etwa miese Mütter sind, denen die Einsamkeit und Verwirrung ihres Kindes egal wären – sondern dass sie vielleicht tatsächlich glauben, sie hätten eine gefühlsverflachte Gemüsesorte dabei, die nix als Schnuller&Liegefläche braucht, um einigermaßen zufrieden zu sein. Und sich einfach nicht bewusst sind, dass der Winzling kognitiv nicht in der Lage ist, den Zeitintervall „Gleich wieder da“ zu erfassen. „Mami kurz mal weg“ heißt in diesem neuronalen Universum „Mami … WEG“ und ist eine lebensbedrohliche Tatsache ohne fassbares Ende.

Mit diesen Müttern ist nie jemand auf die Reise in das frühkindliche Bewusstsein gegangen; sie wissen nichts über die kognitiven Vorgänge im kleinen Hirn und die komplexen Emotionen, sie die auslösen. Vielleicht haben sie einfach keinen Zugang zu dieser Art von Informationen und Informationsquellen.  Zusätzlich verwendet die KWagenindustrie viel Geld auf die wirkmächtige Verteilung entsprechend anders wirkender Eindrücke – es ist nicht leicht, dem zu entkommen. Was auch immer der Grund sei – es ist nicht an mir, dieses Empathievakuum zu verurteilen (auch wenn es mir widerlich leicht von der arroganten Zunge geht, jemand ob des selbst gewählten Verharrens in seiner eigenen Unmündigkeit abzukanzeln).

Stattdessen gehe ich hin und sag‘ was. Natürlich ist das „Wie“ des „Was“ ultaentscheidend. Ich bediene mich bei Herrn Rosenberg und der gewaltfreien Kommunikation. Ich versuche, liebevoll Alternativen in den Raum zu stellen, statt zu kritisieren. Natürlich kassiere ich Anraunzer. Und das ist okay so, schließlich stelle ich eine pädagogische Entscheidungskompetenz in Frage, die ich bei mir selber ebenfalls eifersüchtig hüte. Aber ich werde es weiter tun, und weiter.

Denn ich weiß verdammt noch mal von mir selbst, wie leicht dieses Empathievakuum aufgrund von fehlendem neurologischen/psychologischem Wissen enstehen kann – und wie unsagbar froh ich jedes Mal bin, wenn ich wieder ein neues Puzzle-Teil des schnurpseligen Gehirns verstehen lerne. Beispiel? Aber gerne.

Wusstet Ihr, dass Kinder erst mit etwa sechs Jahren in der Lage sind zum freien Reproduzieren erlebter Events? Davor braucht ihr Hirn Stichworte, damit spezifische Erinnerungen in einer bildlichen Chronologie ausgelöst werden können. Fragst Du also Deinen Dreijährigen, wie`s in der Kita war, ist die Antwort mit schlafwandlerischer Sicherheit von so megaenervierender, vager Schlichtheit wie „Gut“. Fragst Du dann weiter, immer noch engelsgeduldig „Und was habt Ihr gemacht?“ kommt bestenfalls „Gespielt“. Oh Mann, denkst Du Dir dann, und dafür zahl ich 288€ den Monat?

Oder, noch schlimmer: Dabei weißt Du ganz genau, dass die ganze Mischpoke ein Floß gebaut, Lagerfeuer gemacht und Marshmellows gebrutzelt hat, weil’s aufm Plan steht. Dann sieht der SelbstDialog so aus: „Ist ja klar, so bestraft der Schnurps mich halt durch Vorenthaltung von Informationen dafür, dass ich ihn den ganzen Tag allein lasse…“ Schluchz,heul,schnief,Monsterschlechtesgewissen.

Und was isses wirklich? Der Schnurps verfügt schlicht noch nicht über das sogenannte episodische Gedächtnis, das wir und ältere Kinder problemlos abrufen können. Sein präfontaler Cortex ist noch weit genug entwickelt dafür. Bumms. Der Schnurps braucht Erinnerungsteaser. Es hilft deshalb auch nicht, 123 Mal zu wiederholen „Aber Schätzken, das kann doch unmöglich alles gewesen sein????????? Denk doch nochmal gaaaaaaanz genau nach!!!!!“ Was hilft, ist eine Tafel in der Kita (oder ein Gespräch mit der Tagesmutter oder Oma oder, oder, oder beim Abholen des Winzlings), wo die Tagesereignisse drauf stehen, damit sie dann stichwortartig getriggert werden können.

Und das ist nur ein Beispiel, warum Wissen so ein wichtiger Schlüssel zum liebevollen, empathischen Umgang mit unseren Kleinen Wesen ist. Weil sie anders sind als wir. Weil deshalb Intuition nicht immer ausreicht. Und dass wir uns NIEMALS über Menschen erheben dürfen, die diesen Schlüssel noch nicht ihr eigen nennen. Sondern ihn verteilen müssen. So niedrigschwellig und geduldig wie irgend möglich. Und gleichzeitig immer aktiv offen bleiben für konstanten Wissenserwerb unsererseits.

In diesem Sinne, mach Gebrauch von dem momentanen, sensationellen Angebot bei Jokers, um dieses großartige Buch über frühkindliche Kognitionsforschung für ganze 4,99 € zu erwerben:

Es öffnet Augen, ich sag’s Euch. (Und wie immer, nein, ich krieg‘  keinen Cent von Jokers 😉

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