Ham wir sie noch alle?

8 Okt

Dass ich mich über den Friedensnobelpreis freue, dürfte inzwischen wohl klar sein. Und die krittelnden Stimmen, die die Auswahl für leicht willkürlich halten und Dem Arabischen Frühling den Preis offerieren wollen (bin gespannt, wie er es nach Oslo zur Vergabe schaffen will, der Herr Frühling), denen sei gesagt: Ohne mutige Menschen gibt’s auch keine Frühlings, Freunde. Und wenn wir die Welt noch retten können, dann nur zusammen, Männer und Frauen (and all genders inbetween). Es gibt immer Menschen, die den Preis genauso verdient hätten (ob Herr Obama dazu zählt? Not sure.), aber wenn es um Zeichen setzen geht, dann ham se auf jeden Fall einen ausgepackt, die fünf (!) Frauen und der Herr vom Komitee.

Dennoch gluckert in meinem Bauch seit der Verkündung  ein riesiger Wehmutstropfen, der – wie es ja immer so ist – gestern nachmittag nochmal einen kräftigen Aufguss erfahren hat. Und zwar deshalb. Die jemenitische Preisträgerin Tawakkul Karman ist ja nicht nur Aktivistin und Journalistin, hat an Dienstagen oftmals alleine regimekritische Sit-Ins gegenüber einer Mauer bewaffneter Sicherheitskräfte abgehalten, hat sich weder ins Kabinett hinein korrumpieren noch von Gefängnis oder Anschlägen abhalten lassen – sondern ist auch noch Mutter von drei Kindern. Die sie nur im Geheimen sehen kann. Die sie erpressbar machen. Die in der Angst aufwachsen, ihre Mutter könnte jeden Tag verschleppt werden und nie wieder auftauchen.

Gestern war ich bei einem Kurs. Ja,ja, so einer, wo Muttatiere und Schnurpse im Kreis sitzen und Sozialkontakte pflegen. Mit pädagogischem Geflunsel drumrum. Wie ich mich dazu überwunden habe, weiß der Oktoberhimmel, aber der Schnurps findets lustig, also wander‘ ich fleissig weiter hin, auch wenn bißchen anecke mit meinen Ideen. Allet für dat Kind, ne?!

Dort also wird immer reihum vonner Woche erzählt, was die Schnurpse so entwicklungstechnisch getrieben haben und was uns auf dem Muttaherzen brennt. Und da kam dann bei einer Mami Folgendes zutage. Die hatte ihren Schnurps bei einer Kita angemeldet; vorzugsweise für Mai 2012, wenn das Mutterjahr um ist (und der Minimann zumindest eine ungefähre Vorstellung von Mami weg = Mami nicht für immer weg hat – meine Ergänzung). Stattdessen kriegt sie letzte Woche ’ne Mail von dieser Institution, das JETZT ein Platz frei würde, und entweder gibt’s den oder gar keinen.

Panik. Weil alle sagen: Kitaplätze in dieser Stadt sind wie ein Sechser im Lotto – DIE LEHNT MAN NICHT AB, KOMME, WAS DA WOLLE.  Aber sie WILL den Schnurps noch garnicht abgeben. Also bietet sie an, die ersten drei Monate zu zahlen, ohne zu kommen. Geht nicht. Woraufhin ihr Körper streikt. Erzählt sie, und fängt dabei an zu weinen. Was mir das Herz bricht, und ich bin kurz davor zu sagen, dass sie sicherlich einen anderen Platz finden wird (Karma, and all that), und gut daran getan hat, sich nicht unter Druck setzen zu lassen, als sie uns erzählt, dass sie deshalb den Platz natürlich doch annimmt und jetzt mit einem elaboraten Plan operiert, der zwei Eingewöhnungen und einige Wochen Urlaub zwischendrin erfordert, um den Schnurps zumindest drei Monate älter sein zu lassen, wenn er endgültig dorthin geht (aber immer noch dreieinhalb Monate vor dem Datum, bis zu dem sie bei ihm zuhause blieben könnte). Mann/Frau, ich hätte kotzen können.

Wir leben in einer Welt, in der Frauen sich zwischen Demokratie respektive ihrer Arbeit und ihren Kindern entscheiden müssen. In der Hunderte von Milliarden in verrottete fiskalische Strukturen gepumpt werden, aber nicht genug Geld für Kitas und dem Putsch gegen patriarchalische Diktatoren zur Verfügung steht. Was ist da nur so entsetzlich schief gelaufen? Warum, in aller Göttinnen Namen wehren wir uns nicht???????????????

Wie kommt es, dass intelligente Frauen entgegen ihrer innersten Überzeugung einknicken vor einer erpresserischen Platzvergabepolitik und einem katastrastophalen Betreuungsplatzmangel – dass sie vier mal fünf Stunden wöchentliche und völlig unnötige  Trennung von ihrem Kind in seiner primären Bindungsphase glauben hinnehmen zu müssen aus Angst, sonst nicht mehr arbeiten gehen zu können? Was für große Wesen werden kleine Wesen, deren familiärer Zusammenhalt (oder Zusammenbruch desselben) von der kalten Bürokratie idiotischer Systeme bestimmt ist, deren kranke Logik ihre Seelen nicht begreifen können? Ich sag’s Euch:  Genau die von sich selbst entfernten, wachstumsfixierten, materiegesteuerten Vollhonks, die unseren Planeten jetzt schon an seine Grenzen getrieben haben. SO GEHT DAS NICHT WEITER. I am serious. Sprach sie, während kleine Rauchwölkchen ihre Ohren verließen.

Ich glaub‘, ich brauch‘ jetzt Schoki. Gehabt Euch wohl. Heute wünsche ich keinen allseits relaxten Abend. Heute wünsche ich ANGSTFREIHEIT.  Denn sonst haben sie uns weiter am Wickel.

Eine Antwort to “Ham wir sie noch alle?”

  1. jaris Oktober 14, 2011 um 19:09 #

    mir tut das kind so leid. leider ist es nicht das einzige. in solchen momenten tröste ich mich , indem ich mir sage „gut, dass ich anders bin. gut, dass ich mich nicht erpressen lasse. gut, dass mir egal ist, was andere über mich sagen und von mir denken. gut, dass krümel eine starke mutter hat, die ihn beschützt, komme was will“. sie hatte wahrscheinlich schon vorher angst, dass sie keinen platz bekommt und hat das szenario „angezogen“!

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