Der Freie Wille

22 Dez

Der Schnurps entwickelt einen Willen, den er dem meinen nicht mehr unterzuordnen bereit ist.

Theoretisch formuliert: Schnurps‘ Individuation nimmt lautstarke und energische Züge an.

Praktisch formuliert: Er meckert, wenn er was hergeben soll, was er noch behalten möchte.

Juchu!!! Das fühlt sich gut an.

Natürlich hatte die Zeit seit seiner Geburt auf ihre Weise einen ganz eigenen Zauber, dieses unbeschreibliche Einssein der symbiotischen Verschmelzung, in dem er sich und seine „Entscheidungen“ als identisch mit mir gespürt haben muss, und so meinen Willen ohne Widerstand auch als den seinen akzeptiert hat. Ich habe das genossen – natürlich nicht als Machthabende (hoffe ich) – sondern auf einer tiefen, schwer in Worte zu fassenden Ebene. Vielleicht lag es an dem Ausmaß an non-verbaler, absolut intuitiver, telepathischer Verständigung zwischen uns, die eben darauf gründet, dass es kein Ich und Du gibt, sondern ein wirkliches Wir…hm…mal drüber nachdenken…

Aber nun fühlt es sich sehr gesund an, den Schnurps zu sich selbst werden zu lassen. Keine symbiotische Verklebung. Gut so!

In Folge fängt jetzt auch die Zeit des neuen Wortes „Nein“ an.

 Und das wiederum fühlt sich SCHEUSSLICH an.

Ich will dem Schnurps nix untersagen. Jedes meiner Haare sträubt sich bei dem Gedanken des „Verbietens“. Ich will, dass der Schnurps alles darf. Ich will, dass seine Freiheit absolut, seine Neugierde schrankenlos, sein Abenteuergeist unbedingt bleibt.

Was natürlich nicht geht. Weil es ziemlich lebensgefährlich wäre.

Und ebenso natürlich erkläre ich ihm, warum ich etwas nicht erlaube. In der Hoffnung auf spätere, EIGENE Einsicht. Und bla und blubb.

Bei uns um die Ecke gibts einen Kurs für Eltern mit Kindern ab 12 Monaten, der heißt  „Liebevoll Grenzen setzen – Von Anfang an“. Autsch. ALLES in mir sträubt sich gegen diesen Begriff und seine Implikationen. Denn ich weiß, und der Schnurps weiß, und ich weiß, dass der Schnurps es weiß, und der Schnurps weiß, dass ich es weiß (und das ist am schlimmsten): Es gibt etwas jenseits der Grenze. Da will er hin. Aber ich lasse ihn nicht. Obwohl etwas in mir das sehr definitive Gefühl hat, dass ich nicht das Recht habe, diesen „Übergang“ zu verweigern.

Ich möchte ihm doch mitgeben, gegen den Strom zu schwimmen. Nicht zu akzeptieren, wenn ihm jemand sagt: „Du kannst das nicht“. Oder „Das darfst Du nicht“. Normen in Frage zu stellen. Grenzen zu ÜBERSCHREITEN, verdammt noch mal. Und dann soll ich SELBST die vermaledeite Grenze ziehen???

Dabei weiß ich – es muss sein. Aus 1.000 Gründen. Und wenn ich mit fester, aber gütiger Stimme (grins) „Nein“ sage und meine Erklärung hinterherbete, dann, oh Wunder, gibt es kein Geschrei (wobei, der Schnurps schreit eh nie, außer er hat Hunger, ist müde, oder will aufn Arm, und auch dann erst, wenn auf sein Initialwimmern keiner hört), sondern nur so etwas wie ein kurzes, minimales inneres Aufbäumen und dann ein friedliches Abgeben.

Nein ich werde keine anti-autoritäre, weichbuttrige Mutterglucke. Ja, ich lese brav alles, was die Pädagogik über das liebevolle Herangehen an die Sozialisiation und das damit einhergehende Anerkennen von Grenzen zu sagen hat. Aber dieser Moment, wo ich seinen Willen breche – DER BRICHT MIR DAS HERZ, JEDES MAL. Weil dieser Wille so wunder-, wunderschön ist. Weil er sein Selbst verkörpert. Ach je.

(Übrigens: Das da oben, mit der Symbiose und der Individuation, entstammt der Psychoanalyse, genauer gesagt der frühkindlichen Entwicklungstheorie von der faszinierenden Analytikerin und Kinderpsychologin Margaret Mahler. Hab‘ ich aber erst herausgefunden, NACHDEM ich mich über seine Ich-Werdung gefreut habe. Gibt auch noch viele andere Begriffe und Theorien desselben Dings. Wer aber in diese Richtung weiter lesen möchte, dem empfehle ich dieses hier:

Ansonsten bin ich ja nicht so der AnalyseFan. Nur das Ihrs wißt!!!!)

Und morgen gibts mein LastMinute X-Mas Special.

Mit dem Nackich&LustichNullÖcken30MinutenSchnurpsGeschenk zum Selbermachen und meinen berühmten, veganen 10-Minuten WeihnachtsCupCakes. Mit FETT ZimtIcing oben druff, Alter. Bisschen spät, aber Ihr habt ja noch den ganzen Samstach Zeit (oder nächstes Jahr).

6 Antworten to “Der Freie Wille”

  1. Anne Dezember 22, 2011 um 20:21 #

    Du weißt doch selbst, dass das Grenzen überschreiten, dass eigen-sinnig sein nur Spaß macht und erstrebenswert ist, wenn es da Grenzen GIBT. Und genau deswegen musst du sie ihm manchmal aufzeigen (Grenzen setzt man nicht, sie sind da, z.B. dort, wo die eigene oder jemandes anderen Unversehrtheit auf dem Spiel steht). Ich kenne keine unglücklicheren Kinder, als diejenigen, die nie ein NEIN hören und endlos auf der Suche nach einem Widerstand, nach Grenzen, nach Halt sind. Widerstandsgeist entwickelt sich nur da, wo Widerstand ist! Weiter so! ;-)) (Und um einen Willen zu BRECHEN, dazu gehört ja wohl einiges mehr, als hier und da ein Nein zu kassieren, oder?)

  2. Anne Dezember 22, 2011 um 20:22 #

    P.S. Wie schön, dass es hier endlich weitergeht…

  3. jaris Dezember 26, 2011 um 14:02 #

    Du brauchst keine grenzen setzten.du musst nur selbst welche haben.dein Kind spiegelt dich und übernimmt diese dann.ich sage nur Nein,wenn es um Sicherheit geht.ich versuche smart love umzusetzen. http://www.amazon.de/gp/aw/d/3423340320/ref=mp_s_a_1?qid=1324908120&sr=8-1. es funktioniert ganz gut.

  4. kraehenmutter Dezember 26, 2011 um 20:25 #

    hachja, hier auch grade ein thema…

    unsere grenzen liegen momentan bei im müll wühlen, im klo panschen und hunde hauen, das kann ich noch nett verbalisieren.
    schwieriger wirds bei heißen öfen, abgründen, und ähnlichem.
    da scharf „nein“ zu sagen tut mir irgendwie im nachhinein immer wieder leid..(und ich erwische mich in der gleichen tonlage wie bei der hundeerziehung ähäm)

  5. b März 11, 2012 um 18:10 #

    hallo! bin ganz neu auf deiner seite und verfolge gespannt, was du treibst 🙂

    bezüglich grenzen kann ich dir das buch von jesper juul empfehlen „dein kompetentes kind“. da geht es darum, dass die kinder lernen müssen, die grenzen von anderen zu akzeptieren. sonst haben sie keine grenzen.

    ich mach das auch so nach dem motto: du darfst alles, solange es niemand anderen stört/in seiner Freiheit einschränkt/verletzt … etc.

    sehr schwierig an andere zu vermitteln. bin bei uns auch die „verweichlichte, inkonsequente glucke“ 😉 aber wozu soll mein kind lernen, dass es nicht alles bekommt, was es will (so die begründung der anderen, warum man früh mit den grenzen anfangen soll). mein kind lernt, dass es alles im leben erreichen kann 🙂

    rock on und liebe grüße
    b.

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