Wie Mensch das perfekte Babydings erkennt. Und die Schwiegermami überlistet.

13 Jan

So, heute wie versprochen Teil I der Erstaustattungslisten-Dekonstruktion, in gewohnt rabiater, apodiktischer, polemischer MotzManier. Um nicht zu sagen, ich tue so, als hätte ich die Weltformel gefunden. Was naturgemäß höchstwahrscheinlich nicht stimmt und Euch vor die Aufgabe stellt, trotzdem Euren eigenen Weg zu finden.

Bevor es morgen praktisch los geht, gibts eine kleine Einleitung. Für alle, die keine Zeit für den ganzen Sermon haben werden, sondern sowas wie ein AP/artgerecht-Raster brauchen, das sich auf jedes Babydings drauflegen lässt. Den genialistischen Artgerecht-Begriff entleihe ich dabei von der wunderbaren Nicola und ihrem Artgerecht Projekt, das ich absolut nicht genug loben kann, und welches uns noch Großes bescheren wird, wenn wir es denn fleissig unterstützen, gell????? (Apropos Lobbyarbeit, hi,hi).

Tatsächlich bringt diese Form des SchnurpsBekümmerns auf Grund ihrer Intensität, ethischen Prämissen und ganzheitlichen Perspektive ganz eigene Anforderungen an die Umgebung von Selbst&Kind mit sich. Für mich dreht sich dabei alles um eine essenzielle Annahme – nämlich der,  dass die Erstausstattung jedes Schnurps nicht davon abhängen sollte, ob sie uns das Leben erleichtert, unseren Sinn für Ästhetik erfüllt, uns ein illusionäres Bild von Sicherheit verschafft etc., sondern davon, ob wir damit eine artgerechte Umgebung für unser Kind erschaffen. 

Das Tragische ist ja, die Schnurpse verlassen mit ihrer Geburt einen perfekten Ort: UNSEREN KÖRPER. Wo sie Folgendes weder hatten noch brauchten: Möbel. Kleidung. Esswerkzeuge. Spielzeug. Pflegeprodukte. Transportmittel. Lebenserhaltungsgeräte. Und – jetzt kommt ein entscheidende Dualität – dennoch & deshalb ABSOLUT GLÜCKLICH WAREN. Falls die Umschreibung glücklich sein überhaupt annähernd diesen Zustand absoluter Zufriedenheit erfasst, von der wir auf diesen vermaledeit süchtig machenden Ultraschallbildern einen winzigen, uns metaphysisch umschwingenden Eindruckshauch gewinnen.

Nun stehen wir vor der fast unlösbaren, schier unerträglich verantwortungsvollen Aufgabe, unserem kommenden Schnurps ein neues Zuhause außerhalb unserer selbst AUF DER WELT zu schaffen, das ähnlich wohlig & sicher, gleichzeitig abenteuerlich und Autarkie-vorbereitend ist. Schluck. Und den Schnurps nicht gleichzeitig zum ungefragten Komplizen einer Industrie macht, deren Produkte zumeist aus Plastik und damit Erdöl und viel zu oft von winzigen Kinderhänden zu erschreckenden Löhnen in unmenschlichen Umgebungen produziert sind.

Dämmert die Tragweite der Fragestellung?

Nehmen wir also Abschied von den babyindustriegesponserten Listen und beginnen wir wieder, SELBST ZU DENKEN. Auf unser Herz zu hören. Und unseren Verstand. Ich werde sie dennoch in den nächsten Tagen durchgehen und Gegenstand für Gegenstand abarbeiten. Weil der Druck auf eine Schwangere in dieser Hinsicht fulminant ist. Vor allem, wenn sie mit AP, Windelfrei, Co-Sleeping, Trage-, Still- und anderen Ideen alleine gegen wohlmeinende (das sind bekanntlich die mächtigsten) Windmühlen kämpft und handfeste Kriterien zur Argumentation braucht, warum die 300 Euro für eine MDF-Wickelkommode mit weichmacherverseuchter Bärchenplastikwickelunterlage besser in eine Second-Hand-Ausziehcoach für ein elterliches Liebesnest im Wohnzimmer investiert sind (Sagt der Schwiegermami einfach, Studien hätten ergeben, dass mit Liebesinsel die Chancen auf ein Zweites um etwa 46,733371 % steigen, und Ihr kriegt noch Massageöl oben drauf).

Wer aber weder Muße noch Bock hat, sich durch die Listen der nächsten Tage zu wurschteln, für den/die habe ich eine Liste jener Fragen zusammengestellt, die sich in meinen Augen ein Dings gefallen lassen muss, bevor er den erdigen Orden der Artgerechtigkeit umgehängt bekommt und zum Schnurps ins Zimmer darf.

1. Steht das Ding zwischen mir und meiner sich eben ausbildenden Empathie für die Bedürfnisse meines Kindes? Wer ein Badethermometer hat, wird nie einen sensiblen Ellenbogen entwickeln. Wer die Zimmertemperatur von einem Gerät austarieren lässt, dem wird keine virtuelle „Babyhaut“ wachsen, die Raumklima und -Kühle mit Schnurpsbedürfnissen empfindet. Wer von Anfang an wickelt, wird auf keine Ausscheidungskommunikation mehr achten (bis sie dann tatsächlich verschwindet). Unser Schnurpssensibilität ist die der Telepathie nächste Kognitionsstufe, die die meisten von uns – mich eingeschlossen – je erreichen werden. Die tiefe Empfindsamkeit, die wir für die Befindlichkeit unserer Schnurpse entwickeln können, macht mir die Begrenztheit unserer regulären Hirnaktivitäten immer wieder frappierend deutlich. Wir sollten die zum Schnurps gebären gehörige Intuition, die uns plötzlich wachsenden Antennen kultivieren, nicht kappen. Es sollten keine Gegenstände ins Haus, die dies verhindern, indem sie Aufgaben übernehmen, die unser Bauchgefühl viel besser bewältigen kann, wenn wir es zulassen.

2.Kaufe ich das Ding, um Konventionen zu genügen oder um dem Schnurps das Leben zu verschönern? Das kommt selbst bei den bewusstesten Müttern vor. Normen sind halt einfach zähe kleine Dinger… kaufe ich die Wickelkommode, weil Wickeln auf dem Bett/ Boden irgendwie nach Hippieesker Planlosigkeit ausschaut? Kriegt der Schnurps das geile, rosa Schurwolljackenschnäppchen bei Ebay nicht, weil er ein Junge ist?

3. Würde ich wollen können, dass der Schnurps bei jedem einzelnen Schritt des Produktionsprozesses des Dings anwesend ist? Also alle Rohstoffe mit bloßen Fingern anfasst (hmmm,lecka, Erdöl….;), alle Fabriken von innen sieht, eine Woche so lebt wie alle an der Herstellung beteiligten Arbeiter, alle Transporte begleitet?

4. Dient das Dings wirklich der Sicherheit des Schnurps oder eigentlich dazu, mir ein illusionäres Gefühl von Beschützt-Haben zu verschaffen?  Denn die Schnurpssicherheit ist ja dann am ehesten gewährleitet, wenn er sich selbst schützen lernt – also  zu einem selbstbestimmten, instinktsicheren, neugierigen, Vertrauen empfangenden Wesen wird. Anders ausgedrückt sollten wir uns bei jedem Babydings die Frage stellen, ob seine Zielgruppe unsere Angst oder tatsächlich der Schnurps ist.

5.Gibt es das Dings auch Second-Hand?

6.Dient das Dings dazu, den Schnurps subtil und unbemerkt auf seine Zukunft als treu-braver Verbraucher schnell vergänglicher, abhängig machender, eigene Denkprozesse kastrierender Konsumartikel vorzubereiten? Was nach Verschwörungstheorie klingt, baut auf handfesten, von der frühkindlichen Psychologie erforschten Beobachtungen. So entwickelt sich das Bild der Welt im ganz jungen Schnurps ja durch Formensprache. Auch die konstante Beschlabberung von Dingen dient weniger der Kultivierung des Geschmacks. Es ist vielmehr ein geometrisches Abtasten, dass die Dreidimensionalität der Welt über die von der Zunge registrierten Formen erschließt. Was tun wir also, wenn wir die ganzen niedlichen HOLZ(!)teile in Formen von Autos vor dem Schnurps ausbreiten? Richtig – wir formen einen Menschen, der sich eine Welt ohne Auto nicht mal mehr vorstellen kann, bereits zu einem Zeitpunkt, wo er lediglich zweidimensional sieht. Anders gesagt: Der Schnurps wird zu einem Autokäufer gemacht, bevor er überhaupt eine Ahnung hat, was ein „ich“ ist, geschweige denn Besitz. Think about it.

7.Entfernt das Dings den Schnurps von der Natur? Und wieweit ist das Dings selbst von der Natur entfernt? Reines Olivenöl vom klitzekleinen Biogriechen naturgemäß weniger weit als ’ne Wundschutzpflegecreme mit chemisch erzeugtem Butylene Glycol plus auf der Grundlage von Palmöl gewonnen Inhaltsstoffen von Nestlé (räusper, siehe außerdem Punkt 6). Auf Wickeltisch isser weiter weg von der Erde als aufer Erde. Mit Plastich aufer Haut weiter weg als mit Baumwolle. Mit Baumwolle weiter weg als mit nix 😉 You get my drift.

8. Ist mein erster Gedanke beim Anblick des Dings „Wassn Schwachsinn“, bevor die Schwiegermami mich weich klopft? Aller Wahrscheinlichkeit nach isses dann Schwachsinn.

So, jetzt seid Ihr dran mit Kriterien feedbacken. Ich sammel bis nächsten Sonntag, und dann wird aus der ganzen Sache ein schönes e-book zum weiterschicken und sich selbst um die Ohren hauen gestrickt. Bin gespannt!

7 Antworten to “Wie Mensch das perfekte Babydings erkennt. Und die Schwiegermami überlistet.”

  1. Christin Januar 20, 2012 um 21:23 #

    Suuper, genau so eine Liste brauch ich!
    Wir haben eigentlich dieselben Kriterien wie du. Vielleicht kann man noch hinzufügen, in wievielfacher Ausführung der Schnurps das Dings braucht. Also, braucht der Schnurps zehn Jacken in Größe 68, weil die alle so tolle Muster haben, oder reichen zwei usw.
    Das dann am besten noch auf den eigenen Kleiderschrank und eigentlich das gesamte Leben anwenden (außer bei der Schnurpsanzahl – Schnurpse kann es nie genug geben) und kräftig ausmisten und Ballast abwerfen.
    Liebe Grüße
    Christin

    • jaris Januar 29, 2012 um 15:49 #

      wann gibts denn das besagte ebook???

      • ECObabe Februar 1, 2012 um 16:04 #

        ich sitze gerade dran. uff, soviel Gutes gibts zu tun und so wenig zeit 😉 aber ich geb nicht auf.

      • jaris Februar 2, 2012 um 20:40 #

        ich freu mich drauf!!!

  2. diene Februar 10, 2012 um 19:59 #

    Hehe, das letzte Kriterium ist mein Lieblingskriterium 😀
    Meine Schwiegermutter rät mir ständig zu allerlei Kram und ich denke mir jedes Mal „Bitte nicht schon wieder“, aber am Ende kaufe ich es doch und weiß sofort, dass ich es NIE benutzen werde…

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