1. Die Wickelkommode. Versteh ich nicht.

13 Feb

Eigentlich sollte zu jeder Wickelkommode gleich ein Fallschirm mitgeliefert werden. Oder, anders gesagt: Hätten wir fliegen können sollen, kämen die Schnurpse mit ein paar Flügen dran ausser Gebärmutter geschlüpft. Kommen sie aber nicht.

Weshalb das Muttertier mit einer Hand den vergnügt vor sich hin strampelnden Schnurps zu fixieren sucht – welcher im ihm angeborenen  Urvertrauen in die Weisheit seiner MIP (most important person) natürlich nicht im Traum darauf kommt, dass er zu beiden Seiten nur etwa 40 cm von blauen Flecken, Gehirnerschütterung und lebenslang verbleibender Angst vor dem Fallen entfernt ist – während sie mit der anderen hektisch den Wickelvorgang beschleunigt. Der einschließlich der damit einhergehenden Pflege eigentlich ein laaaaaaaaaaaaaaaanggezogener Moment kuscheliger Intimität, kreischender Kitzelspiele und unauffälliger Inspektionen profilaktischer Natur sein sollte, ob an dem kleinen Körper noch alles dran ist.

Ich verstehe, dass Mensch zusätzliche Verstaufläche bracht. Aber mehr davon gibts in einem 2,20 cm hohen Regal, als in den verwinkelten Untiefen der Wickeltischkommode.

Von den Wickelunterlagen fange ich nicht an, da verweise ich auf den an sich schon eher konservativ bewertenden ÖkoTest, der sich vor Weichmachern und anderem Chemiemist in einem entsprechenden Test garnicht mehr umdrehen konnte.

Ich schlage vor und habe es selbst so gemacht: Yogamatte auf Bett, Baumwollhandtuch auf Yogamatte, Kind auf Handtuch, großes Rumgerolle und Gequiekse, fertich. Probiert es vor der Geburt und vor dem Kommodenkauf mit einem Teddbären aus, etwa achtmal am Tag. Im Knien oder Schneidersitz. Auf dem Bett oder davor. (Am besten gehts mit einem dicken Futon, denn auch von Betten rollen Schnurpse runter.) Verlasst Euch drauf, Ihr findet eine rückenschonende, bequeme Variante.

Was aber steckt hinter diesem Wickelkommodenwahnsinn? Es ist eine generelle Tendenz, den Schnurps zu uns HINAUFzuholen, in unsere erwachsene Komfortwelt, statt uns zu ihm HINUNTERzubewegen. Und reiht sich damit ein in die Versuche, aus dem Kind so schnell es nur geht einen Erwachsenen zu machen. Dabei entreißen wir ihn der Bodenhaftung, dem Kontakt mit der Erde, der Verwurzelung mit einem Untergrund, auf dessen Vorhersehbarkeit er sich verlassen kann. Empor zu uns Kopfmenschen, die auf Stühlen unsere Tage verbringen, bandscheibenverzerrt und in luftige, meist obsolete Gedankenkonstrukte gehüllt.

Dabei ist der Schnurps doch unsere Chance, die Welt wieder aus Augen zu betrachten, die ganz unten anfangen, die Käfer zwischen den Halmen krabbeln sehen und mit jedem Krabbler und Robber die wohlige Robustheit der Welt und die unvergleichliche Energie der Erde in sich aufnehmen.

Ich versuche, der Perspektive des Schnurps den gleichen Stellenwert einzuräumen, wir der meinen. Genausooft mit ihm zu krabbeln, wie ich ihn zu mir auf den Arm nehme. Ihn nicht zum Stehen zu animieren, wenn er doch noch mit Leidenschaft aus seinem Popo ruht. Unsere Zimmer auf seiner Augenhöhe genauso attraktiv zu gestalten wie auf meiner – ja genau, mit Bildern auf 40 cm Höhe und den unteren Regalborden voller schöner Schnurpssachen.

Entschleunigte Demut statt effizienter Entwurzelung.

22 Antworten to “1. Die Wickelkommode. Versteh ich nicht.”

  1. agatha Februar 13, 2012 um 11:49 #

    Naja…ach… jeder wie er mag!

    • ECObabe Februar 13, 2012 um 16:57 #

      Du hast ja so recht. Ich genieße nur meine eigene Polemik, deshalb der fies besserwisserische Ton. Zum Glück kenn ich ja die mütterliche Durchsetzungskraft – wer das Wickeldings mag, nimmts eh trotzdem, ungeachtet meines esoterischen Wetterns 😉

  2. Pia Februar 13, 2012 um 12:56 #

    also …. in den ersten Wochen und Monaten da war die Wickelkommode( selbstgebaut, rückbaubar) schon praktisch. Allein wegen dem drüber montiertem Heizstrahler.

    Seit das Kind aktiv rollt und krabbelt sind wir auch aufs Bett umgezogen und die Kommode ist auch obendrauf Kleidungsaufbewahrungsstätte.

    • ECObabe Februar 13, 2012 um 16:58 #

      Selbstgebaut? Das lob‘ ich mir!!! Magst Du die Bauanleitung einstellen – nach dem Motto, wenn schon, dann wenigstens 😉

  3. Unsichtbar Februar 13, 2012 um 19:01 #

    oja, die wickelkommode, war die ersten monate recht praktisch, wegen dem heizding wie oben gesagt. sobald püppi das kugeln angefangen hat, aber irgendwie nicht mehr. (mal völlig davon abgesehen, dass die meisten wickelkommoden in standardhöhe nicht rückenschonend sind wenn mensch über 1,70 ist) wickele jetzt schon seid monaten auf dem bett, nach dem umzug kommt der wickelaufsatz weg. ein tipp von amerikanischen verwandten: querwickeln wenn die kleinen noch ganz klein sind. der vorteil, die querwickelunterlagen passen auch auf normale kommoden, die mensch sich dann im eigenen haushalt in der passenden größe raus suchen kann. zwei streifen doppeltes klebeband, hält. und wenn das kind mobil wird, bloß runter auf den boden… (ein beispiel für ein solche auflage findet sich hier: http://letterbox88.blogspot.com/2012/01/ikea-malm-drawers-change-table-nursery.html)

  4. Christiane Februar 13, 2012 um 20:15 #

    ich lese gerade Neil Postman.. das verschwinden der Kindheit und das ist genau das Thema.. Kinder sind Kinder und Babies halt Babies und keine Erwachsene.. danke für den Artikel, obwohl es halt nur um dieses Wickeldings geht.. ja wir haben auch eins, aber ich brauche Wasser zum Popo reinigen und wickele aber auch oft, da wo ich Sie gerade habe..

  5. kraehenmutter Februar 14, 2012 um 12:57 #

    aus oben beschrieben gründen (heizstrahler usw) fand ichs schon sehr praktisch, die ersten monate irgendwo „oben“ wickeln zu können, zumal unser bett mit raufklettern verbunden ist und unser boden hundebedingt mehr als haarig ist und das mich tierisch genervt hätte ständig haare in den windeln zu haben, die hunde vom wasser, vollen windeln zu vertreiben…usw.
    inzwischen wickeln wir da, wo wir sind.

  6. Anne Februar 14, 2012 um 13:16 #

    Ich muss auch ein pro-Statement ablassen: Hier ist im Winter das Bad der wärmste Raum. Eine selbst gezimmerte Auflage auf der Waschmaschine, die auch wieder weg kommt, wenn nicht mehr gebraucht, verschaffte 1. Rückenfreundlichkeit, 2. wenig Aufwand (die hier beschriebene Methode mit Yogamatte muss ja immer wieder weg- und hingeräumt werden, oder?)3. Beteiligung der Geschwister in beiden Richtungen: auf dem Wannenrand hockend bespielten und staunten die Großen oder der Kleine konnte mit bester Aussicht dem Treiben in der Wanne zuschauen. Vor allem auch nach dem gemeinsamen Bad mit den Großen. Und ich habe alle schön um mich herum. Auch gab es ausgiebige Massagesessions hier und irgendwie war dieser Wickelplatz schon von Anfang an der Lieblingsplatz unseres Jüngsten. Am Regal/Heizstrahler lassen sich auch bestens verschiedenste Objekte als Mobile befestigen und die Klamöttchen und Wickelutensilien befinden sich auch alle schön in Greifweite, genau wie der Wasserhahn.

    • ECObabe August 12, 2012 um 01:03 #

      Das klingt tatsächlich wunderschön. Und zeigt mal wieder, wie schnell alles ganz anders & genauso richtig sein kann, wenn die Parameter andere sind.

  7. chilota Februar 14, 2012 um 22:44 #

    ich gehe da eher mit dem blogeintrag mit – für mich war das ja auch nichts mit der wickelkommode – zum glück auch nur umgebaute normale kommode. aber als ab dem 3. monat windelfreie mama hat man da wahrscheinlich leicht reden, weil man wasser, tücher, cremes und so weiter nicht braucht. am anfang hätte ich allerdings auch verzichten können. fühlte sich eher komisch an für mich das ganze. ist sicher wieder mal typsache.
    sehr interessant finde ich den gedanken „wer passt sich wem an“, bei dem ich ja auch immer dazu tendiere, dass ich mich dem baby anpassen mag, das sich ja eh schon an genug neues anpassen muss in seinem zarten alter. weshalb wir auch planen, einfach dem tisch die beine abzusägen anstatt einen hochstuhl zu besorgen, wenn der prinz dann essen mag. diese stühle mag ich auch nicht so recht. aber vielleicht revidiere ich das ja bald wieder 😉

    • ECObabe August 12, 2012 um 01:09 #

      Tja, lustig, das mit dem am Tisch essen. Wir haben jetzt fünf Optionen, die wir je nach Schnurps- und eigener Laune variieren. Es ist so unglaublich geil zu beobachten, wie unterschiedlich aus seine Gelüste sind von Tag zu Tag. Manchmal liebt er den Hochstuhl, dann zieht er sich daran hoch und sitzt dann mit Blick auf die Welt ultravergnügt drin. Dann gibts noch die Picknickmethode – alle essen aufm Boden, den ganzen Sommer über eigentlich aufm Balkon. Drittens haben wir einen Kindertisch angeschafft, an dem er sitzt und wir knien davor. Und dann, wenn er aufm Küchentisch gesessen hat, um beim Essenmachen zu helfen, bleibt er manchmal einfach oben drauf sitzen und futtert auf uns runter. Oder wir bauen einen Kissenberg auf einen Erwachsenenstuhl und platzieren ihn darauf. Ich mag das, zusammen zu entscheiden, wo gegessen wird.

  8. Sonci Februar 15, 2012 um 09:34 #

    Hi, jetzt muss ich mich hier auch einmal zu Wort melden. Ich bin auch gegen diese riesengroßen Trümmer, die man sich um teures Geld kauft und dann damit das Schlafzimmer verstellt und am besten noch sein 2-jähriges Kind darauf anzieht.
    Aber… wir haben einfach 2 60cm tiefe, niedrige Regale mit Schubladen aufeinandergestapelt und fertig war die Wickelkomode. Ich glaube am Anfang habe ich die doch auch gerne verwendet und selbst jetzt steht der Stapel immer noch im Schlafzimmer und ist eine wunderbare Ablagefläche für Klamotten aller Art, die Töchterchen in der ganzen Wohnung verloren hat, und die erst einmal irgendwo gesammelt werden müssen. In unserer baldigen neuen Bleibe wird das Ding aber wohl wieder seinen angestammten Platz im Wohnzimmer erhalten… Ich liebe multifunktionale Möbel!! 😉

  9. jaris Februar 15, 2012 um 20:37 #

    ich glaube wenn man windelfrei versucht dann wickelt man immer dort wo man gerade das töpfchen oder eimerchen zu stehen hat. in den ersten wochen gibt so ne kommode glaube ich vorwiegend den eltern sicherheit dass alles am richtigen platz ist. mit der zeit entsteht spontanität und gelassenheit gegenüber herumliegenden dingen und dann wird eben das kind gleich mit reingezogen in die neu gewonnene freiheit á la „ach komm wir machen das jetzt gleich hier und jetzt. was solls.“ wir hatten auch eine und den tollen heizstrahler hatten wir auch. allerdings frage ich mich manchmal ob kind den wirklich braucht oder ob es nur die eltern brauchen weil sie wollen dass kind es schön warm hat.mein kleiner will immer vor mir aus der wanne raus (wir baden zusammen) und dann rennt er immer halbnass und nackig bestimmt zehn minuten durch die wohnung und spielt. ich genieße dann noch ein entspanntes bad 😉 und er hat sich dabei noch nie erkältet. früher gabs auch keine heizstrahler. wenns kalt ist muss man sich eben bissl beeilen finde ich. und ich glaube dass die krümel schon sagen wann ihnen kalt ist ganz nach dem prinzip des kompetenten kindes (übrigens auch ein tolles buch von jesper juul). und das argument mit dem rücken lasse ich auch nicht gelten. wir haben nicht mal mehr einen stuhl oder tisch in unserem wohnzimmer (ähm spielzimmer) und ich hatte nie weniger rückenprobleme als jetzt. das problem ist nämlich die fehlende bewegungsfreiheit. und wenn man auch mal auf dem boden sitzt und wickelt und wiedrr aufstehen muss und das mehrmals am tag, dann hält das fit und dafür bedankt sich auch der rücken. stühle sind des rücken feind („schafft die stühle ab“ von renate zimmer).

  10. Tobby Februar 18, 2012 um 13:28 #

    Netter, ambivalenter Blog, hier. Diese Mischung aus Reflektiertheit und Vernunft einerseits, und bodenloser Naivität andererseits…. Erstaunlich. Manche Abschnitte und Einträge könnten von einem Philosoph und Anthropologen stammen und lassen mich respektvoll und anerkennend die Augenbrauen heben, wieder andere sind so naiv und esoterisch verblödet daß man schon fast glaubt, ein Heilpraktiker sei der Übeltäter. Ob da eine gespaltene Persönlichkeit am Werke ist ? Ich werde hin- und hergerissen weiterlesen….

    • ECObabe August 13, 2012 um 17:12 #

      Der Wahnsinn. Da kommt mal ein Mann um die Ecke & was serviert er auf dem Silbertablett? Den alten Dualismus von naiv und philosophisch, esoterisch und anthropologisch, reflektiert und…äh…Heilpraktiker???? Ich liebe diesen Kommentar. Wer meinen Blog ambivalent nennt, hat schon gewonnen. Weil er mich versteht, mich, in meiner ganzen Konfusion, zwischen Bauchgefühl und Statistikfestischismus, tiefster Überzeugung und alles zerrüttelnder Unsicherheit, Metaebene und InDer EckeSitzenUndNichtWeiterWissen. So isses, das Muttersein. So isses, das Leben. Lieber Tobby, bitte bleib. Ich werd weiter ahnen&wissen, Gewusstes zugunsten Gespürtem verwerfen, Descartes & Maggie Simpson in einem Atemzug preisen. Gespalten? Yes, Yes, YES!!!! Wären meine Augenbrauen nicht gerade mit Himbeermarmelade verklebt, ich würde sie vor Freude Salto springen lassen ob der Vielschichtigkeit meiner Leserschaft. Juchu!

  11. Nicola Februar 23, 2012 um 11:22 #

    Ich bin da voll bei Dir – wir hatten auch nie eine. Anfangs wurde auf improvisierten Dingen gewickelt, dann in einer umgebauten Wiege (Gast-Posting von mir: „Wiege. Versteh ich nicht“ ;)). Anschließend aufm Boden und schließlich und endlich gar nicht mehr ;).

    • ECObabe August 13, 2012 um 17:14 #

      Da sollte mal wer drüber schreiben – die Evolution von Einsicht. Der Windeleimer wäre sicher ein sehr geeigneter Kandidat.

  12. Mama arbeitet Februar 28, 2012 um 14:22 #

    Hallo ecobabe (nennt man dich hier so?),

    bin ganz deiner Meinung, speziell diese Überlegung hier „Es ist eine generelle Tendenz, den Schnurps zu uns HINAUFzuholen, in unsere erwachsene Komfortwelt, statt uns zu ihm HINUNTERzubewegen“ ist ein wichtiger Punkt, finde ich.

    Beim ersten Kind hatte ich noch eine Wickelkommode (dachte, sowas braucht man unbedingt), beim zweiten eine Unterlage, die auf der Waschmaschine lag, und beim dritten Kind dachte ich, so ein Quatsch, ich wickele auf dem Schaffell. Oder Teppich, Oder meinem Bett. Und das hat wunderbar funktioniert. Wickelkommoden sind Unsinn, wenn man mich fragt.

    Herzlichen Gruss, Christine

    • ECObabe August 13, 2012 um 17:20 #

      Hallo Christine,

      Du bist eine mutige Frau. Habe gerade Deinen Artikel „Arm, aber glücklich“ gelesen. Soviel Resilienz. Ein grösseres Geschenk kannst Du Deinen Kinder nicht machen, als Ihnen zu zeigen, dass Aufstehen & Weitermachen immer belohnt wird. Halt die Ohren steif.

  13. ba3by März 21, 2012 um 20:25 #

    Hallo Ecobabe wie geht es dir?
    Ich warte auf den nächsten Punkt aus deiner angekündigten Liste.
    13.Januar, 13.Februar, 13. März war leider noch nichts von dir geschrieben.
    Ganz liebe Grüße, alles Gute und viel Kraft für Dich und deinen Schnurz.

    • Tini Mai 21, 2012 um 17:22 #

      Ja, und 13. April und 13. Mai…
      Alles gut bei dir, Ecobabe?

    • ChristinaBPunkt Juni 13, 2012 um 18:04 #

      Wann gibt’s neues hier zu lesen!?

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