Das neue ELTERN-Heft. Grrrumpfkicher.

16 Aug

Also, altmodischerweise frequentiere ich ja verschiedene Printmedien.

Manche (wenige) aus Überzeugung. Die Oya zum Beispiel. Wer sie noch nicht kennt: Probeheft anfordern.  Da mach ich schamlos Werbung für, so mutig und vorwärtsdenkend finde ich dieses Magazinprojekt (Mensch möge sich allein mal die Bücher anschauen, die es als Aboprämien gibt, die sprechen für sich). Oder die Junge Welt. Die deutsche Monde Diplomatique.

Andere, um einen ausgewogenen Eindruck von der aktuellen Informations/Demogogie – Lage zu bekommen, aufgrund derer Deutschland wählt. Also die BILD, auch wenns schmerzt. Den Spiegel, zum Glück umsonst inner Bibliothek.

Zwei, weil sie sich Auslandskorrespondenten leisten und Geld für vernünftige Recherche ausgeben, auch wenn ihre Grundhaltung mir zuwider ist. Die FAZ und die Süddeutsche.

Und dann die, bei denen ich mal einen Gang runterschalten und mir Infotainment geben will, bei einem schaumierten Landkaffee aufm Balkon. Da greife ich dann zu sowas wie ELTERN. (An dieser Stelle lasse ich es mir nicht nehmen, Brigitte MUM in die Tonne zu treten. Was für ein Haufen gequirlter Überflüssigkeit. Die armen Bäumlis.) So geschehen am gestrigen Tage: Die September-Ausgabe, welche so ausschaut:

Nun weiß ja jeder denkende Mensch, dass zumindest das Onlineangebot eltern.de seine redaktionelle Freiheit industriefinanzierten Promotionartikeln opfert. Ich meinerseits habe es grundsätzlich drangegeben, mich über das opportunistische Werberahmenprogramm aufzuregen, das sich heutzutage Onlinejournalismus nennt. Ich schreib‘, rede und lächle halt dagegen an.

Nur in wenigen Fällen werd‘ ich noch wütend. Heute war so ein Fall. Auf Seite 100 besagten Heftes nämlich. Da schreibt Xenia Frenkel über den inzwischen in aller Munde seienden TIME-Coverartikel „Are you Mom enough?“ .

Ehrlich, ich finde an dem Coverfoto das Bedenklichste die Army-Hosen. Warum ich einem Dreijährigen Hosen mit einem Muster anziehen sollte, das zu dem alleinigen Zweck erfunden wurde, 19-Jährige dazu zu befähigen, ausm Busch raus andere 19-jährige hinterhältig abzuknallen, ohne dabei selbst drauf zu gehen, nur um den Rest des Lebens mit dem zwangsläufig resultierenden Trauma rumzulaufen, ist mir ein besonders großes Rätsel.

Angekündigt wird das Ganze in der ELTERNlichen Highlightsektion vorne mit „Kritisch…sehen wir „Attachment Parenting“, einen Trend aus den USA.“ Trend? TREND????? Wie lange muss denn eine Sache bitte praktiziert werden, bevor ELTERN sie einen Trend nennt? 100 Jahre?

Aber statt nun die ongoing discussion zu nutzen, ein ausführliches, abwägendes, neutrales, vielstimmiges Porträt von Attachment Parenting zu liefern und damit einhergehend vielleicht Julia Dibberns umwerfendes Buch „Geborgene Babies“ (übrigens auch als Aboprämie bei der Oya zu haben, grins) als alternative Ausprägung vorzustellen plus schönem Interview mit der Autorin o.ä. (ich kenne Julia nicht persönlich, aber ich halte ihr Buch für radikal unterrepräsentiert in der Mainstream-Babyliteratur. Sowas gehört JEDER Mutter direkt nach dem Werfen neben den verschmierten Schnurps in die zitternden Pfoten gelegt) – statt also diese Chance zu ergreifen, ergießt sich ELTERN in eine bedrohlich mittelalterlich klingende Schmährede gegen…ja, gegen was eigentlich? Ein Phantom.

Denn tatsächlich gehts in dem ganzen Artikel mit keinem Wort um Attachment Parenting, sondern lediglich ums Langzeitstillen.  In dessen Kontext AP-Erfinder Dr. Bill Sears zum „Stillfanatiker“ erklärt wird, dessen Botschaft lautet

„Wer nicht stillt, bis der Schulbus kommt, ist keine richtige Mutter, sondern ein egoistisches Biest…“

Ich unterschreibe nicht alles, was Dr. Sears je von sich gegeben hat. Ich unterstütze die sieben  Attachment Parenting Bs, aber habe mir zu der sie umgebenden AP-Welt eine kritische Grundhaltung bewahrt. Nirgendwo allerdings wird sich eine Textstelle bei Sears finden lassen, die ein Werturteil über nicht langzeitstillende Mütter darstellt. Tatsächlich sagen Sears und seine Frau hierzu das, was ich Euch in einem längeren Zitat weiter unten mitgebe.  (Und hier ein Artikel für alle, die interessiert, wie er selbst das TIME Cover kommentiert. Verzeiht die Englischlastigkeit dieses Beitrags.)

Und da war ich mal einen kurzen Moment lang stinkesauer über den  miesen, schlecht recherchierten, kleinherzigen, unintelligenten Journalismus, der wiedermal eine Möglichkeit zunichte gemacht hat, AP in einem Mainstreamkanal balanciert und ausgewogen darzustellen.  Ich werde dann so furienzornig, mit hässlicher Steilfalte, eingekniffenen Mundwinkeln und FeuerDerRechtschaffenheitInDerBrustLodrig, wie ich es bei anderen Gutmenschen hasse (soooo unerotisch). Brrrr, schüttel. Und doch, so eine Wut muss entstehen können. Sonst wäre ich abgestumpft und fatalistisch.

Aber dann kamen Das Kichern, Die Gerechtigkeit, Das Karma und das große ÄTSCH gleich hinterhergehüpft. Nämlich auf Seite 149. Wo ELTERN auf die Artikel der eigenen Vergangenheit zurückblickt. Hier im Speziellen auf Einen von 1971 übers Co-Sleeping. Von dem dort RIGEROS und in jeder Form (auch dem Zum-Kuscheln-ins-Bett-Schlüpfen) abgeraten wird. Umrahmt von so sensiblen Tipps zur Umsetzung wie

„Machen Sie es ihrem Kind unbequem. Vaters liebevoller, aber doch sehr schwerer Arm quer über dem Bauch oder ein Knie im Rücken – das nimmt den Kleinen jeden Spaß am Eltern-Bett.“

Schau mal eine an: Da haben die ELTERNs doch nur schlappe 41 Jahre gebraucht, um zu begreifen, dass Vaters Arm zur Stütze des Tragetuchs vielleicht doch besser geeignet ist als als nächtliches Meuchelwerkzeug in der Kehle des dreijährigen Sohnes.  Das gibt doch Anlass zur Hoffnung auf generelle Lernfähigkeit. Dann warten wir jetzt einfach mal geduldig auf den September 2053, in welchem  wahrscheinlich auch ELTERN reumütig die Tatsache einräumen wird, dass Langzeitstillen nicht das Ende der westlichen Zivilisation bedeutet hat.

Nun fragt Ihr Euch wahrscheinlich: Das war ja jetzt alles jut&schön zu lesen, aber warum nimmt sie sich die Zeit für diesen Verriß, wenn es doch gelbe Tigertomaten zu pflücken und mit Schnurpsen durch sonnengetränkte Wiesen zu hüpfen gilt?

1. Weil ich irrationalerweise hoffe, Google-Crawler sind schlau genug, ELTERN-Leserinnen auf der Suche nach dem Septemberheft erst hier vorbei zu schicken. (Höhere Gerechtigkeit 2.0)

1. Weil ich nach vielen Monaten, in denen es einfach Teil meines Alltags war, mal wieder viel übers Stillen nachdenke. Denn der Schnurps stillt sich gerade ab. Kurz vor dem Anderhalbjährigen. Und das sowohl eine Mega-Lektion in Zen-Buddhismus als auch ein komplexer Schritt für mich ist, über den ich viel nachdenke und fühle. Aber dazu…nächstes Mal mehr 🙂

Jetzt nochmal für alle eine Einleitung in die FLEXIBILITÄT von AP. Und das, worum es dabei wirklich geht. Als Video oder Text (wenn es wem wirklich wichtig ist, übersetze ich den Text. Dafür schreibt mir bitte einen Kommentar).

  • AP is a starter style. There may be medical or family circumstances why you are unable to practice all of these baby B’s. Attachment parenting implies first opening your mind and heart to the individual needs of your baby, and eventually you will develop the wisdom on how to make on-the-spot decisions on what works best for both you and your baby. Do the best you can with the resources you have – that’s all your child will ever expect of you. These baby B’s help parents and baby get off to the right start. Use these as starter tips to work out your own parenting style – one that fits the individual needs of your child and your family. Attachment parenting helps you develop your own personal parenting style.
  • AP is an approach, rather than a strict set of rules. It’s actually the style that many parents use instinctively. Parenting is too individual and baby too complex for there to be only one way. The important point is to get connected to your baby, and the baby B’s of attachment parenting help. Once connected, stick with what is working and modify what is not. You will ultimately develop your own parenting style that helps parent and baby find a way to fit – the little word that so economically describes the relationship between parent and baby.
  • AP is responsive parenting. By becoming sensitive to the cues of your infant, you learn to read your baby’s level of need. Because baby trusts that his needs will be met and his language listened to, the infant trusts in his ability to give cues. As a result, baby becomes a better cue-giver, parents become better cue-readers, and the whole parent-child communication network becomes easier.
  • AP is a tool. Tools are things you use to complete a job. The better the tools, the easier and the better you can do the job. Notice we use the term „tools“ rather than „steps.“ With tools you can pick and choose which of those fit your personal parent-child relationship. Steps imply that you have to use all the steps to get the job done. Think of attachment parenting as connecting tools, interactions with your infant that help you and your child get connected. Once connected, the whole parent-child relationship (discipline, healthcare, and plain old having fun with your child) becomes more natural and enjoyable.

4 Antworten to “Das neue ELTERN-Heft. Grrrumpfkicher.”

  1. mrs p. August 17, 2012 um 19:52 #

    Ich habe den Artikel auf Eltern.de eben gelesen. Neben vielen anderen Aussagen, die völlig bescheuert sind, ist der Vergleich mit Ruanda wohl das ALLERLETZTE! Mensch, diese Frau hat ihren Artikel wohl nicht nochmal gelesen! Unglaublich!

  2. amberlight Oktober 11, 2012 um 09:38 #

    Ohne diesen Blog hätte es sicherlich noch eine Weile gedauert bis ich Oya entdeckt hätte – daher werte ich dies jetzt mal als Werbung. Mag die Blogautorin vielleicht eine Abo-Prämie haben? Dann bitte die Auswahl und die Kundennummer an meine mail-Adresse … 🙂 Morgen verblogge ich das nächste grüne Thema neben der Näherei zum entdeckten guerillia garden neben der Haustür. Frau muss die Augen nur weit offenhalten …

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  1. Sie nennt es umwerfend! | Offizielle Webseite von Julia Dibbern | Geborgene Babys | Geborgene Kinder - August 16, 2012

    […] Dibberns umwerfendes Buch “Geborgene Babys”, schreibt die eloquente EcoBabeMama . Das Sahnehäubchen auf einem sowieso schon umwerfend schönen […]

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